Juli 6th, 2010
Legale Piratensender
Früher gab es nur die Wahl zwischen öffentlich-rechtlichem Radio und dem kommerziellen privaten Radio. Ganz früher,im Prinzip noch vor 25 Jahren, war die Möglichkeit der Wahl noch geringer: öffentlich rechtliches Radio, an oder aus.
Seit 1950 gibt es im Saarland auf Grund einer Sonderregelung die in französischer Sprache sendende Station Europe 1, der sich also mit Fug und Recht Deutschlands erster Privatsender schimpfen darf. Doch eigentlich und flächendeckend kamen die Privatsender erst 1986 auf, als Radio Schleswig-Holstein (R.SH) als erster Privatsender mit Programm rund um die Uhr auf Sendung ging – kurz nach RPR1, der sich allerdings die Frequenz mit anderen Sendern teilte. Doch die Privaten sind von Werbung abhängig und müssen daher mit ihrem Programm um die Gunst eines möglichst breiten, bzw. möglichst großen Publikums buhlen. So etwas kann nur zu Lasten der Qualität gehen, da sich der Sender zur Maßgabe machen muss, möglichst niemanden vor den Kopf zu stoßen und dadurch auch so wenig interessant wie es nur irgend geht zu sein – das bringt die Optimierung mit Hinblick auf die Massenkompatibilität leider Gottes mit sich. Ein Radiosender ist also entweder von den staatlichen Vorgaben und den politischen Besetzungen der Senderführungen abhängig oder vom Massengeschmack. Spartenradio zu machen kann sich nur erlauben, wer zum Beispiel im Dienste einer großen Plattenfirma steht, die es sich leisten kann, einen Radiosender zu unterhalten – wie zum Beispiel Motor FM.
Anderer öffentliche Räume
Eine alternative zur staatlichen oder wirtschaftlichen Abhängigkeit stellen freilich die sogenannten „freien Sender“ (wie das Freie Sender Kombinat in Hamburg oder Radio Blau in Leipzig) dar, die sich überwiegend aus Spenden finanzieren und deren Mitarbeiter ehrenamtlich tätig sind. Solche Unabhängigkeit ermöglicht überhaupt erst die Etablierung einer Gegenöffentlichkeit, die von der offiziellen Kultur und Berichterstattung abweicht und in der zu Worte kommt, wer beim öffentlich rechtlichen Radio durchs Raster fällt. Bei den Privaten sowieso, aber deren Programmstruktur ist ja ohnehin in der Regel vom Wirtschaftsdenken geprägt und nicht von inhaltlichen Interessen. Natürlich gibt es da auch stets Ausnahmen. Kiss FM und Jam FM etwa, die vornehmlich Hip Hop und R’n'B spielen – zwei ähnliche, sicherlich aus Interessen und Leidenschaften heraus geborene Projekte, die ihre „biologischen“ Nischen besetzt halten, um im kapitalistischen Senderwettbewerb zu überleben. Doch sie müssen ihr Programm natürlich stets an marktwirtschaftliche Sachzwänge anpassen – das kann einem freien Radio nicht passieren. Auch wenn solche Sender naturgemäß gleichsam notorisch vom wirtschaftlichen Ruin bedroht sind. Doch dann muss eben Fundraising wie zum Beispiel durch Solidaritätskonzerte betrieben werden – Einfluss auf das Programm haben wirtschaftliche Krisenzeiten allerdings nicht.